Bezahlbarer Wohnraum wird oft mit Abstrichen gleichgesetzt: monotone Fassaden, enge Grundrisse, billige Materialien. Dabei zeigt die Praxis das Gegenteil. Die wirksamsten Sparhebel sind keine Verzichtsentscheidungen, sondern gute Entwurfsentscheidungen – und die kosten zunächst nur Planungsdisziplin.

Günstig ist nicht billig

Ein kostengünstiges Gebäude ist nicht das mit den niedrigsten Materialpreisen, sondern das, bei dem jeder Quadratmeter Hülle, jede Stütze und jeder Leitungsmeter eine Aufgabe erfüllt. Gute Architektur und Wirtschaftlichkeit sind deshalb keine Gegensätze. Beide entstehen aus derselben Haltung: Klarheit in Form, Struktur und Konstruktion.

1. Kompakte Baukörper

Jeder Vor- und Rücksprung, jede Gaube und jeder Erker vergrößert die Außenhülle – und damit Fassadenfläche, Anschlussdetails, Wärmebrücken und Wärmeverluste. Ein kompakter Baukörper mit günstigem Verhältnis von Hüllfläche zu Volumen ist der einfachste Weg, Baukosten und Energiebedarf zugleich zu senken. Gestalterische Qualität entsteht dann nicht durch Verformung des Volumens, sondern durch Proportion, Öffnungen, Material und Detail.

2. Ein klares Tragwerk

Durchgehende Achsen, übereinanderliegende tragende Wände und wiederkehrende Spannweiten machen das Tragwerk einfach und die Ausführung schnell. Abfangungen, wechselnde Raster und Sonderlösungen sind dagegen teure Ausnahmen. Ein konsequentes Raster schafft zudem die Voraussetzung für Vorfertigung und serielle Bauweisen.

3. Erschließung effizient organisieren

Treppenhäuser, Aufzüge und Flure sind notwendig, erzeugen aber keine vermietbare Fläche. Wie viele Wohnungen ein Treppenhaus je Geschoss erschließt, beeinflusst das Verhältnis von Wohnfläche zu Bruttogrundfläche erheblich. Deshalb lohnt es sich, unterschiedliche Erschließungstypen – etwa Spänner oder Laubengang – früh gegeneinander abzuwägen und dabei auch Brandschutz, Barrierefreiheit und Wohnqualität im Blick zu behalten.

4. Installationen bündeln

Bäder und Küchen, die übereinander und nah an gemeinsamen Schächten liegen, reduzieren Leitungslängen, Durchbrüche und Abstimmungsaufwand. Gleichartige Sanitärkerne lassen sich standardisieren und im besten Fall vorfertigen. Was im Grundriss nach einer kleinen Einschränkung aussieht, spart über das ganze Gebäude gerechnet erheblich.

5. Grundrisse, die mitwachsen

Gut geschnittene Wohnungen kommen mit weniger Fläche aus: wenig Flur, keine Restflächen, möblierbare Wände, nutzungsneutrale Räume ähnlicher Größe. Solche Grundrisse funktionieren für unterschiedliche Haushalte und lassen sich langfristig anders nutzen. Gerade im geförderten Wohnungsbau, wo Wohnflächen durch Förderbestimmungen begrenzt sind, ist ein effizienter Grundriss die eigentliche Qualität.

6. Was unter der Erde liegt, kostet am meisten

Keller und Tiefgaragen gehören zu den teuersten Bauteilen eines Wohngebäudes. Die Hamburger „Initiative kostenreduziertes Bauen“ beziffert das Einsparpotenzial durch effizientere Planung und den Verzicht auf kostenintensive Bauweisen, Technik und Bauteile wie Tiefgaragen auf bis zu 1.000 Euro je Quadratmeter Wohnfläche. Abstellräume im Erdgeschoss, reduzierte Stellplatzschlüssel und Mobilitätskonzepte können Untergeschosse ganz oder teilweise ersetzen – wo Planungsrecht und Standort es zulassen.

7. Einfache Fassaden, gute Details

Eine ruhige, robuste Fassade mit wiederkehrenden Fensterformaten ist günstiger in Herstellung und Unterhalt als ein aufwendiges Fassadenbild. Ihre Qualität liegt in Proportion, Materialwahl und sauberen Anschlüssen. Langlebige, pflegeleichte Materialien senken zudem die Kosten über den gesamten Lebenszyklus – ein Aspekt, der bei der reinen Baukostenbetrachtung oft übersehen wird.

8. Wiederholung als Chance

Standardisierte Grundrisse, wiederkehrende Details und serielle oder modulare Bauweisen verkürzen Planungs- und Bauzeiten und reduzieren Fehlerquellen. Wiederholung muss dabei nicht Monotonie bedeuten: Durch Variation in Anordnung, Farbigkeit und Freiraumgestaltung lassen sich auch aus wenigen Grundelementen lebendige Quartiere entwickeln.

Der richtige Zeitpunkt

All diese Prinzipien haben eines gemeinsam: Sie wirken nur, wenn sie von Anfang an Teil des Entwurfs sind. Ein fertiger Entwurf lässt sich nachträglich kaum noch kompakter, rationaler oder günstiger machen. Deshalb gehört die Frage nach der Wirtschaftlichkeit nicht ans Ende der Planung, sondern an ihren Anfang – gemeinsam mit Bauherr, Tragwerksplanung, Haustechnik und Energieberatung.

Gute Architektur für bezahlbaren Wohnraum ist kein Kompromiss. Sie ist das Ergebnis klarer Entscheidungen.

Dipl.-Ing. Tolga Zurnaci ist Inhaber des Planungsbüros Zurnaci in Hamburg, dena-zertifizierter Energieeffizienz-Experte und promoviert an der Middlesex University zu Investitionsentscheidungen im sozialen Wohnungsbau.

Quellen

  • IFB Hamburg (26.01.2026): Geförderter Wohnungsbau mit dem Hamburg-Standard.
  • Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen e. V. (2024): Wohnungsbau 2024 in Deutschland: Kosten – Bedarf – Standards. Bauforschungsbericht Nr. 88, Kiel.

Stand: Oktober 2026